Mich selbst beherrschen – wozu soll das gut sein?

Viele Menschen denken, wer sich selbst beherrschen kann, bleibt sachlich und zeigt keine Gefühle. Cool bleiben. Pokerface. Ein Irrtum.

„Selbstbeherrschung“ war über viele Jahrhunderte das Erziehungsziel für Monarchen: Wer viel Macht über andere hat, sollte vorher sich und seine Emotionen kennen und damit bewusst umgehen lernen. Denn wer Macht hat und die Kontrolle über sich verliert, wird zu einer Belastung oder sogar Gefahr für seine Umwelt.

Als Führungskraft geht es also nicht darum, dass Sie Ihre Emotionen unterdrücken, sondern darum, dass Sie diese kultivieren. Kultivieren bedeutet, ihnen eine gute Form zu geben, damit Sie mit Ihren Emotionen agieren können – und nicht umgekehrt.

Im Coaching geht es häufig darum, Verhaltensmuster zu erkennen, über die sich der Coachee ärgert – meist im Nachhinein, aber in die er dennoch immer wieder hineinrutscht. Hier ist das Modell vom „Inneren Team“ sehr hilfreich…

Beim Modell vom „Inneren Team“ stellen Sie sich Ihre inneren Kräfte / Rollen / Emotionen als handelnde Personen vor, die auf einer Bühne agieren. Wie aus dem Zuschauerraum beobachten Sie, welcher Akteur sich in einer bestimmten Situation nach vorne spielt. So sehen Sie, was sich in Ihnen abspielt.

Dann werden Sie zum Regisseur und gestalten das Stück neu: Wer vom inneren Team tritt etwas zurück? Wer bekommt mehr Raum? Was brauchen die inneren Akteure, um die neuen Plätze einzunehmen? Diesen – und damit sich selbst – genau das in der bestimmten Situation zu geben, ist dann Ihre Übungsaufgabe.

Beispiel

Sie möchten eine Fortbildung machen und melden sich gern einfach spontan zu einem Kurs an. Im Nachhinein bekommen Sie Zweifel und spüren diese widerstreitenden Stimmen:

  • Die Begeisterte: „Das klingt spannend, dazu habe ich Lust.“
  • Die Effiziente: „Lohnen sich die Kosten? Fügt sich das Zertifikat gut in meine Vita ein?“
  • Die Familiäre: „Wieviel Tage werde ich unterwegs sein? Schafft mein*e Partner*in den Familienalltag“?
  • Die Verantwortungsvolle: „Wer vertritt mich in der Zeit auf der Arbeit?“

Mein Impuls für Sie

Setzen Sie sich an einen guten, ruhigen Ort. Nehmen Sie ein Blatt Papier oder Ihr Buch, in das Sie persönliche Einsichten eintragen. Denken Sie an eine Situation, in der Sie sich unsicher oder sogar zerrissen empfinden.

  • Schreiben Sie ohne Bewertung auf, welche inneren, widerstreitenden Stimmen sich dazu melden. Geben Sie diesen Stimmen Namen oder zeichnen Sie diese.
  • Legen Sie jeder Stimme eine Kernaussage in den Mund.
  • Gehen Sie jetzt in die Rolle der Teamleitung und moderieren Sie eine Teamsitzung. Ziel: eine von allen mitgetragene Entscheidung.
  • Schlüsselfrage an jede Stimme: Was brauchst du, um der Entscheidung zuzustimmen?

Wer sich nach diesem Modell immer besser kennen lernt und sein inneres Team führt, der kann das Modell auch anwenden im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Im Ergebnis nutzt es allen: Ihr Leben mit sich selbst wird harmonischer, ohne langweilig zu werden, und für andere wirken Sie klar und transparent auch mit Ihren Emotionen.

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Zum Weiterlesen

Friedemann Schulz von Thun, Wiebke Stegemann (hg.): Das innere Team in Aktion; Praktische Arbeit mit dem Modell